Die 440 Kilometer lange Küstenstraße Nordsjøvegen ist keineswegs die schnellste, aber vielleicht die schönste Verbindung zwischen Kristiansand und Haugesund. Die Strecke wird auf Deutsch oft als Nordseestraße oder Nordseeweg bezeichnet und führt entlang der Nordseeküste im Süden Norwegens, wo die Brandung steile Klippen, tief eingeschnittene Fjorde und lange Strände formte. Dazwischen erzählen bunte Hafenorte, Leuchttürme und historische Siedlungen von Jahrhunderten maritimer sowie teils dramatischer Geschichte.

Möwen kreisen über dem Hafen von Kristiansand, ihr Geschrei übertönt das Brummen der Motoren. Wie in den meisten Fährhäfen riecht es nach Salz, Meer und Diesel. Stoßstange an Stoßstange rollt eine Fahrzeugkarawane aus dem Rumpf der Fähre ins Tageslicht. Ein freundliches Nicken, ein kurzes „God tur“ vom Zollbeamten – willkommen in Norwegen. Dann teilt sich der Weg.
Die Navigation zeigt die E39 als schnellste Route nach Haugesund an. Viereinhalb Stunden Fahrzeit auf einem Band aus Asphalt – schnell, effizient, direkt. Die alternative Route auf dem Nordsjøvegen hingegen folgt der Küstenlinie und schlängelt sich durch eine wildromantische Landschaft, in der die Gezeiten den Takt vorgeben und der Horizont das Ziel markiert.

Nordsjøvegen – der vielleicht schönste Umweg Norwegens
Die Fahrzeit? Nebensächlich. Vielleicht ein oder zwei Tage, einige Wochen oder auch länger. Denn die Route schlängelt sich auf teils schmalen Küstenstraßen nah am Meer entlang, wo die Gezeiten den Rhythmus bestimmen und oft nur der Horizont das Ziel markiert.
Moderne Tafeln informieren entlang der Strecke, und in kurzen Abständen finden sich Campingplätze, kleine Hotels und sogar einige Leuchttürme als Quartier. Ideale Bedingungen, um der Küstenroute mit Auto oder Fahrrad etappenweise im ganz eigenen Tempo zu folgen und dabei Facetten Norwegens zu entdecken, die auf der Europastraße verborgen blieben.

Denn der Nordsjøvegen verbindet in eindrucksvoller Weise unterschiedliche Epochen, Landschaftskontraste und fast fremd anmutende Welten zu einem spannenden Roadtrip – wie ein Band aus Asphalt, dass die Highlights in Südnorwegen miteinander verbindet.
Unsere Übersichtskarte zeigt die schönsten und wichtigsten Meilensteine entlang der Nordseeroute Nordsjövegen, die wir euch in diesem Beitrag vorstellen:
Unsere Fahrt beginnen wir wenige Kilometer westlich von Kristiansand. Hier kann man wunderbar in die zerklüftete Küstenlandschaft mit unzähligen vorgelagerten Schären und versteckten Badebuchten eintauchen. Das milde Licht, die vergleichsweise vielen Sonnenstunden und die weiß gestrichenen Holzhäuser vor belebten Yachthäfen lassen ein fast mediterranes Lebensgefühl aufkommen – weshalb dieser Teil der norwegischen Südküste gern als “Norwegische Riviera” bezeichnet wird.

Lindesnes – Norwegens Südkap
Dieses Lebensgefühl findet auch in Mandal, der südlichsten Stadt Norwegens, seinen Ausdruck. In den schmalen Gassen zwischen den weißen Holzhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert scheint die Zeit ein wenig langsamer zu vergehen.

Dazu versprechen die verführerischen Zimtschnecken aus Edgars Bäckerei in der Altstadt echtes Dolce Vita und sind für viele Reisende ein Muss – ebenso wie der kurze Anstieg zum 62 Meter hohen Aussichtspunkt Uranienborg oder ein fast obligatorischer Abstecher zum Kanelstrand (“Zimtstrand”). Und tatsächlich erinnert sein goldgelber feiner Sand an Zimt, der fast zärtlich von den Wellen umspült wird.

Doch nur einige Fahrminuten entfernt, trifft die Brandung der offenen See auf die felsigen Klippen am Kap Lindesnes. Seit 1656 markiert hier ein Leuchtfeuer den südlichsten Punkt des norwegischen Festlandes, daneben steht heute als weithin sichtbares Zeichen ein rotweißer Bilderbuch-Leuchtturm – ein symbolträchtiges Gegenstück zur stilisierten Weltkugel am Nordkap in Nordnorwegen. Ein Wegweiser “Nordkap 2518” verdeutlicht die Entfernung dorthin und zugleich die Dimensionen Norwegens.

Neben dem Leuchtturm kann man in den Sommermonaten zudem frisch gebackenes Brot aus dem Holzofen genießen und als Nortrip Mitglied einen der Stellplätze neben der kleinen Bäckerei kostenlos nutzen.
REISEEMPFEHLUNG:

Ein weiterer und durchaus empfehlenswerter Abstecher im nahegelegenen Lyngdal führt Reisende in die überraschend alpin anmutende Berglandschaft von Skrelia. Naturpools, Wasserfälle und zahlreiche markierte Wanderwege auf blank gescheuerten Felsen garantieren ein eindrucksvolles Naturerlebnis im Hinterland der Küstenlinie.

California-Feeling und Seeräuber
Zurück auf dem Nordsjøvegen führt die Route weiter nach Nordwesten. Die Küste öffnet sich, wird flacher, breiter, exponierter und geht immer wieder in lange Sandstrände mit teils imposanten Dünen über. Auf der Halbinsel Lista dominieren daher lange Sandstrände, eingesäumt von Dünen und der rollenden Brandung. Surfer warten in der salzigen Gischt auf die nächste Welle, Reiter folgen im Abendlicht der Wasserlinie, Möwen hängen im Wind.

Wer hier steht, könnte sich an der amerikanischen Westküste wähnen, einem Stück Kalifornien im Süden Norwegens. Doch Kalifornien ist hier nicht nur ein Bild, sondern vielmehr ein Teil der regionalen Geschichte.

Über Generationen hinweg zog es viele Bewohner nach Amerika und nicht wenige kehrten zurück. Sie prägen seither Orte wie Vanse, wo amerikanische Straßennamen alltäglich scheinen und chromblitzende Oldtimer vor den Häusern stehen. Beim alljährlichen American Festival wehen Fahnen im Wind, Rock’n’Roll hallt durch die Gassen, Square Dance bestimmt den Rhythmus.
Einen Kontrast dazu bietet das alte und weitgehend autofreie Lotsendorf Loshavn (Titelbild), das auf einer kurzen Wanderung erreicht werden kann. Mit königlichem Kaperbrief liefen im 19. Jahrhundert von hier Seeräuber im Dienst der Krone mit ihren Segelschiffen aus.

Sie kaperten englische Handelsschiffe und brachten zeitweise beträchtlichen Wohlstand ins Dorf, dessen vornehme Holzhäuser bis heute an diese Zeit erinnern. Glaubt man den Überlieferungen, wurde damals bei Festen statt Sand sogar Zucker auf den Tanzboden gestreut.

Reif für die Insel?
Nur eine kurze Fährpassage trennt die Küste bei Flekkefjord von der Insel Hidra, der größten Insel in einem Archipel aus zahlreichen Schären, Holmen und weiteren Inseln.

Ein wahres Eldorado für Kajak- und SUP-Touren oder Bootsausflüge. Vom leicht zu erklimmenden Inselberg Hågåsen, oberhalb des idyllischen Hafenortes Kirkehamn, eröffnet sich ein malerisches Panorama über das Dorf und die ganze Inselwelt, die einem regelrecht zu Füßen liegt.

Ein letzter, fast verklärter Blick, bevor die Reise fortgesetzt wird und sich die Küste erneut verändert. Die Fjorde werden schmaler, Konturen härter, der Fels mächtiger und das Meer scheinbar wuchtiger. Nördlich von Flekkefjord windet sich die Straße durch eine geologisch markante Landschaft, die zu den ältesten und interessantesten Europas zählt.
Die Oberfläche besteht zum großen Teil aus dem seltenen Gestein Anorthosit, das sich in dieser Konzentration sonst nur auf dem Mond findet. Im Magma UNESCO Geopark lässt sich erkunden und anfassen, was vor Hunderten Millionen Jahren im Erdinneren brodelte – heute eine karge, beinahe archaische Szenerie aus blank geschliffenen Klippen, tiefen Gletschertöpfen, fast 6000 Seen und teils bizarren, wenn nicht sogar skurrilen Felsformationen.

Wandern auf Mondgestein
Zu den populärsten Highlights dieser geologisch besonderen Szenerie gehören die ausgewaschenen Felskammern der Brufjellhålene oberhalb des kleinen Ortes Åna-Sira. Der direkte Abstieg von der Hochebene hinunter zur Meereslinie gilt als besonders anspruchsvoll. Der Steig verläuft stellenweise steil und ausgesetzt, einzelne Passagen sind durch Steinschlag gefährdet und nur mit Ketten und Eisenbügeln im Fels gesichert. Wer sich auf diesen Abschnitt einlässt, sollte trittsicher, schwindelfrei und bergerfahren sein.

Doch auch ohne den Abstieg zu den Höhlen ist die Tour auf den Klippen des Brufjell eine der eindrucksvollsten Wanderungen entlang des Nordsjøvegen. Der Weg führt über Felsflächen, durch lichten Küstenwald und vorbei an typischen Rullesteinstränden, an denen rund geschliffene Steine in der Brandung liegen. Immer wieder öffnen sich weite Blicke über die Nordsee, auf Leuchtfeuer und zurück auf die zwischen Meer und Fels eingeklemmte Siedlung Roligheten bei Åna-Sira.

Von dort sind es nur einige Serpentinen auf dem Nordsjøvegen, bis sich fast unvermittelt der tief eingeschnittene Jøssingfjord unterhalb der Straße öffnet. Sein dunkles Wasser wird von steilen Felswänden eingerahmt und war 1940 zugleich der Schauplatz eines der bekanntesten Zwischenfälle des Zweiten Weltkriegs in Norwegen, als das deutsche Versorgungsschiff „Altmark“ in einer dramatischen Aktion durch britische Einheiten aufgebracht wurde. Ein Ereignis, das internationale Folgen hatte und Norwegen endgültig in den Strudel des Zweiten Weltkriegs zog.

Am inneren Ende des Fjords ducken sich zwei schlichte Holzhäuser unter den mächtigen Felsüberhang Helleren. Jahrhunderte lang lebten hier Familien, deren Dächer vom Fels geschützt wurden. Heute sind die Gebäude als Freilichtmuseum zugänglich und zeigen eindrücklich, wie eng die Menschen hier einst mit der Natur gelebt haben und wie hart das Leben gewesen sein muss.

Dolce Vita in Sogndalstrand am Nordsjøvegen
Ganz anders in Sokndal, wo Gästen und Einheimischen gleichermaßen das „gute Leben“ versprochen wird. Tatsächlich scheint im kleinen Küstenort Sogndalstrand, wenige Kilometer nördlich des Jøssingfjords, der Alltag ein wenig unaufgeregter zu laufen. Bunte Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert drängen sich dicht an dicht entlang des Flusses und stehen auf Pfählen direkt über dem Wasser, kleine Läden, Galerien und gemütliche Cafés beleben die engen Gassen.

Die historische Holzhaus-Siedlung ist unter Schutz gestellt und zugleich das Herz einer Gemeinde, die sich offiziell der internationalen Cittaslow-Bewegung angeschlossen hat. Statt höher, schneller, weiter geht es um Entschleunigung, Regionalität und Lebensqualität.
Wer hier ankommt, ist nie Tourist, sondern immer Gast und darauf ist man in Sokndal sichtlich stolz. Ebenso wie auf die kleinen lokalen und liebenswerten Eigenheiten. Die “Love Week”, die symbolisch “beerdigte” Eifersuchts-Gesetzgebung oder der gelebte Fokus auf das Miteinander bestätigen diesen Eindruck.

Hier geht es nicht darum, möglichst viele Kilometer zu machen, sondern zwischendurch einfach einmal anzukommen. Ein Abendspaziergang zum Aussichtspunkt auf den Klippen, ein gutes Essen mit fangfrischem Fisch im ehemaligen Handelshaus, eine kleine Kajaktour entlang der Küste oder einfach ein Kaffee, während sich die Häuserzeile farbig im Wasser spiegelt. “Det gode liv” – das gute Leben – bekommt am Nordsjøvegen hier eine sehr konkrete, sehr entspannte Bedeutung.

„Pac-Man“ und ein Phallus aus Stein
Weiter nördlich, bei Egersund, hat es eine der Felsformationen im Magma Geopark aus eindeutig zweideutigen Gründen inzwischen sogar zu internationaler Bekanntheit gebracht. Immerhin erinnert die Felsnadel “Trollpikken” in ihrer Form mehr an ein anatomisches Detail als an eine nüchterne Gesteinsprobe.
Nachdem Unbekannte das Naturdenkmal vor einigen Jahren mutwillig zerstört hatten, wurde der steinerne Phallus mit viel lokalem Engagement, einem Kran und einer guten Portion Humor wieder aufgerichtet. Heute „steht“ er als Wanderziel stabiler denn je über der Landschaft, sorgt für erstaunte Blicke und ist wohl eines der meistfotografierten Motive im Geopark …

Vor den Toren von Egersund steht auf der Insel Eigerøy einer der eindrucksvollsten Leuchttürme an Norwegens Nordseeküste. Nach einer kurzen Fahrt über den Damm führt ein gut markierter Pfad über Weiden und Felsrücken hinauf zum hohen, rot-weißen Turm, der seit dem 19. Jahrhundert dem Schiffsverkehr Orientierung bietet. Gleichzeitig ist die Insel ein wichtiges Brutgebiet für Seevögel, die sich hier insbesondere während der Brutzeit aus gebotener Entfernung beobachten lassen.
Wer hingegen mit Kindern unterwegs ist, wird seine Freude an einem Findling haben, dessen Form unweigerlich an die Computerspielfigur „Pac-Man“ erinnert – ein skurriles Fotomotiv inmitten der kargen Landschaft.

Norwegische Landschaftsroute Jæren – Strandmeilen im Gegenlicht
Nördlich von Egersund geht der Nordsjøvegen beinahe nahtlos in die Norwegische Landschaftsroute Jæren über. Fortan trennt ein schmaler Küstenstreifen aus Strandwiesen, Kiesel- und Sandstränden das offene Meer vom fruchtbarem Agrarland. Höfe, Weiden und alte Steinmauern liegen nur wenige Meter hinter den Dünen, während vor ihnen die Brandung unablässig gegen die Küste rollt.

Zwischen Hå, Klepp und Sola liegen wie kilometerlange Sandbänder feinste Strände, kleine Häfen und alte Pfarrhöfe direkt am Meer. Darunter gelten Orre- und Borestranda als einige der längsten Sandstrände Norwegens. Solastranden nahe des Flughafens von Stavanger ist im Sommer ein beliebter Badeplatz und an stürmischen Tagen ein Schauplatz für die rohe Kraft der Nordsee.

Mehrere Leuchttürme – darunter Obrestad und Kvassheim – stehen für die nautische Vergangenheit dieser Küste. Heute beherbergen sie Ausstellungen, Cafés oder kleine Veranstaltungsorte und bieten zugleich geschützte Plätze, um den Blick auf den schönsten Sonnenuntergängen ruhen zu lassen.

Stavanger – Palmen in Norwegen
Nach den weiten Stränden von Jæren werden am Horizont Konturen der Silhouette von Stavanger sichtbar. Die größte Stadt am Nordsjøvegen ist so etwas wie die inoffizielle Hauptstadt der Route und ein urbaner Kontrast zu Dünen, Leuchttürmen und Fischerdörfern. Zwischen mittelalterlicher Holzhaus-Altstadt, moderner Street Art, Museen und einem lebhaften Hafenviertel könnte man leicht mehrere Tage verbringen.

Stellvertretend für die Fülle an Erlebnissen in und um Stavanger – vom berühmten Felsplateau Preikestolen über den spektakulär eingeschnittenen Lysefjord bis hin zu einer überraschend kreativen Gastro-Szene – sei daher nur der Ausflug auf die ungewöhnliche Blumeninsel Flor og Fjære hervorgehoben.

Auf der windgeschützten Insel vor der Stadt sorgt ein besonderes Mikroklima dafür, dass Palmen, exotische Sträucher und üppige Blumenrabatten gedeihen, als läge auch Stavanger eher am Mittelmeer als an der Nordsee. Wer nach einem Spaziergang in der subtropischen Gartenlandschaft an Deck des Ausflugsbootes zurückkehrt, spürt erneut, wie facettenreich diese Küstenregion ist.

Ein Vorgeschmack auf die letzten Etappen, die uns auf den Spuren von Mönchen und Wikingern wandeln lassen.
Von Mönchen, Wikingern und Karibik-Flair
Nördlich von Stavanger taucht der Nordsjøvegen im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal tief ab. Durch den Byfjordtunnel und den Mastrafjordtunnel führt die Straße mehrere Kilometer unter dem Meeresboden hindurch. Fast sechs Kilometer Asphalt bis zu 220 Meter unter dem Meeresspiegel: Wer hier unterwegs ist, hat für ein paar Minuten das Gefühl, in eine andere Welt hinab zu gleiten, bevor sich die Ausfahrt wieder dem Licht und der Küstenlandschaft entgegen öffnet.

Nur einen kurzen Abstecher von dieser Verbindung entfernt liegt auf einer kleinen Inselgruppe Norwegens einzig erhaltenes mittelalterliches Kloster. In dem weiß gekalkte Gebäude des Klosters Utstein mit seinem stillen Innenhof lebten einst Augustinermönche, später residierten Könige und Adlige.
Heute lädt der Ort zu Führungen, Konzerten und stillen Momenten am Wasser ein. Vom Ufer aus blickt man über Felder und Wiesen, auf denen Schafe weiden – ein friedlicher Kontrast zu den teils dramatischen Klippen und Fjorden vorangegangener Etappen.

Karmøy – Weiße Sandstrände und karibikblaues Meer
Weiter nördlich spannt sich eine Kette aus Brücken und kleinen Inseln hinüber nach Karmøy. Die Insel mit einer spannenden Mischung aus Wikingergeschichte, Küstenkultur und Karibikflair gilt vielen als Herzstück des nördlichen Nordsjøvegen.
Im Norden liegt Avaldsnes, bekannt als „Norwegens ältester Königssitz“. Hier ließ sich Harald Schönhaar, der erste König, der Norwegen einte, nieder. In der schlichten Steinkirche hoch über dem Karmsund, im historischen Wikingerdorf und im modernen Geschichtszentrum wird diese Zeit wieder lebendig.
Zwischen rekonstruierten Langhäusern, Booten und Runensteinen ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie hier einst Königshöfe und Hofstaat über die wichtige Schifffahrtsstraße wachten.

Ganz anders präsentiert sich der Süden der Insel. In Skudeneshavn drängen sich abermals strahlend weiße Holzhaus-Fassaden dicht an dicht um enge Gassen und geschützte Hafenbecken. Viele der Gebäude stammen aus der Blütezeit der Segelschifffahrt im 19. Jahrhundert, als Walfang und Handel den Wohlstand in die Stadt brachten.
Heute schlendert man durch ein Stück maritimes Bilderbuch-Norwegen, geprägt durch gepflegte Vorgärten, kleine Galerien und urigen Cafés.

Zwischen Norden und Süden ziehen sich einige der schönsten Strände der Region wie ein feiner Saum an der Westküste entlang. Breite, helle Strandbögen mit Blaue-Flagge-Qualität, glasklarem Wasser und dahinter eine Mischung aus Heide, Dünen und Weideland: An guten Tagen wirkt Åkrasanden eher wie ein Atlantikstrand in Frankreich als wie ein Küstenabschnitt am rauen Nordmeer.

Wer lieber schaut als badet, spaziert auf den Küstenpfaden über die niedrigen Klippen und beobachtet, wie Brandung, Wind und Wolken das Licht minütlich verändern. Alternativ kann man den nächsten Abschnitt auf dem Nordsjøvegen für einen – im wahrsten Sinne des Wortes – naheliegenden Abstecher zum Himakånå nutzen.
Die leichte Wanderung auf die “Kleine Trollzunge”, eine geniale Felsformation auf dem Gipfel des Himakånå zählt ganz sicher zu den schönsten Wanderungen in Fjordnorwegen.

Ankunft in Haugesund – am Ende des Nordsjøvegen
Am Ende dieser Etappe wartet Haugesund – offiziell das Ziel des Nordsjøvegen. Die Stadt wurde im 19. Jahrhundert vom Hering und der Seefahrt groß, heute lebt sie von Offshore-Industrie, Kulturfestivals und ihrem maritimen Flair. Im Hafen klappern Masten, zwischen alten Speicherhäusern und modernen Bauten reihen sich Restaurants und Bars aneinander, und auf den Brücken über den Sund weht oft ein frischer Wind.

Wer hier ankommt, hat in wenigen Tagen eine erstaunliche Bandbreite Norwegens erlebt – von Zimtstrand und Südkap über Mondgestein und dramatische Fjorde bis zu Wikingern, Mönchen und Seeräubern im Dienst der Krone. Der Nordsjøvegen mag nicht die schnellste Verbindung zwischen Kristiansand und Haugesund sein – aber nach 440 Kilometern Geschichten entlang dieser Küste dürfte klar sein, dass er zu den spannendsten Traumstraßen in Norwegen gehört.

Nordsjøvegen: Roadtrip auf der Nordseestraße von Kristiansand nach Haugesund
Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag erschien in gekürzter Form zuerst in der “WELT AM SONNTAG”.













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