Die Straße Rv70 zieht sich durch das breite Sunndalen, an den Seiten ragen die Berghänge wie steile Wände aus dem imposanten Tal. Eigentlich könnte man es entspannt durchqueren – wäre da nicht der Vinnufossen, der sich wie ein weißes Band hoch oben aus den Bergen löst, in wilden Kaskaden über dunkle Felsen springt und schließlich in feinen Schleiern in die Tiefe stürzt.
Vom Parkplatz neben der Straße wirkt der Wasserfall überraschend schmal, obwohl mehr als 800 Höhenmeter zwischen seinem Ursprung hoch oben am Berg und den letzten Kaskaden unten im Tal liegen. Auch wir unterschätzen zunächst die gewaltigen Dimensionen des Vinnufossen. Erst nach und nach wird uns bewusst, welche Wassermassen sich entlang der Felswand aus gigantischer Höhe in das Tal ergießen.

Direkt unterhalb des Vinnufossen liegt mit Holsskeidet ein großzügiger Rastplatz, von dem aus der Wasserfall bereits fast zum Greifen nah wirkt. Wer lediglich diesen Anblick genießen möchte, braucht dafür weder Geröllfelder oder viele Höhenmeter zu überwinden.
Natürlich hätten auch wir es dabei belassen können. Ein paar Fotos, noch einmal nach oben schauen und weiterfahren. Aber direkt vor uns beginnen die Stufen der Vinnutrappa, die sich an der Flanke des Wasserfalls empor schlängelt. Und damit wächst ziemlich schnell die Neugier, wie sich der Vinnufossen wohl einige hundert Stufen weiter oben zeigt …

Vinnufossen – wenn 800 Meter plötzlich richtig hoch sind
Wasserfälle gibt es in Norwegen nun wirklich nicht wenige. Sie stürzen neben Straßen aus den Bergen, rauschen durch enge Schluchten oder tauchen hinter der nächsten Kurve beiläufig zwischen Birken und Felsen auf. Irgendwann glaubt man fast, sich an ihren Anblick gewöhnt zu haben.
Und dann steht man vor dem Vinnufossen.

Sein Wasser stammt aus der Gletscherwelt der Vinnufonna beziehungsweise des Vinnubreen hoch über dem Sunndalen. Von dort fällt es nicht in einer einzigen mächtigen Kaskade ins Tal, sondern sucht sich über mehrere Felsstufen seinen Weg nach unten. Mal stürzt es frei über eine Kante, mal gleitet es über den steilen Hang, wird vom Wind auseinandergerissen und verteilt sich als feiner Sprühnebel über die Felsen.
Wie hoch der Vinnufossen tatsächlich ist, darüber gehen selbst offizielle Angaben auseinander. Je nach Quelle werden rund 845 bis 865 Meter genannt. Auch bei den europäischen Ranglisten gibt es unterschiedliche Einordnungen – in Sunndal gilt er als höchster Wasserfall Europas, andere Quellen führen ihn als einen der höchsten des Kontinents.
Vor Ort wird die Frage nach ein paar Metern mehr oder weniger ohnehin schnell zur Nebensache. Spätestens als wir versuchen, den Vinnufossen vollständig ins Bild zu bekommen, wird uns bewusst, wie gewaltig sich dieser Wasserfall über die Bergflanke zieht.
Lage und Anreise – ein Naturhighlight fast im Vorbeifahren
Der Vinnufossen liegt im unteren Sunndalen in Møre og Romsdal, nur wenige Kilometer außerhalb von Sunndalsøra an der Rv70 in Richtung Oppdal. Ausgangspunkt ist der Rastplatz Holsskeidet direkt an der Straße.

Von hier führt ein kurzer, gut erkennbarer Weg in Richtung Wasserfall und zur Vinnutrappa. Eine aufwendige Tourenplanung braucht es dafür ebenso wenig wie eine GPX-Datei. Der Zugang ist unkompliziert, übersichtlich und kaum zu verfehlen.
Vinnutrappa – auf Sherpastufen näher an den Wasserfall
Schon die ersten Stufen machen deutlich, dass die Vinnutrappa keine gewöhnliche Treppenanlage ist. Statt Beton oder Holz liegen hier schwere Natursteine im Hang. Sie wurden Stück für Stück von Hand gesetzt und so in das Gelände eingefügt, dass die Treppe fast wie ein Teil der Bergflanke wirkt.

Gebaut wird sie von nepalesischen Sherpas. Ihre Erfahrung mit robusten Wegen in steilem Gelände ist inzwischen an vielen spektakulären Orten Norwegens gefragt – etwa am Reinebringen auf den Lofoten, bei den Midsundtrappene nahe Ålesund oder am Rødøyløva an der Helgelandskysten, unweit des Kystriksveien (Fv 17). Auch am Vinnufossen entsteht auf diese Weise seit einigen Jahren ein Weg, der den Aufstieg entlang des Wasserfalls erleichtert und zugleich die empfindliche Vegetation schont.
Je weiter wir auf diesen handgesetzten Stufen nach oben steigen, desto mehr verändert sich auch der Eindruck vom Vinnufossen. Bei Ner Løkhammarn kommen wir ihm erstmals richtig nahe. Hier öffnet sich der Blick auf eine der mächtigen Kaskaden, die frei über die Felskante in die Tiefe stürzt. Eine Bank steht wie bestellt an diesem Platz die wir gerne nutzen, um kurz durchzuatmen, zu schauen und natürlich die Kameras herauszuholen. Hier lässt sich der Wasserfall noch erstaunlich entspannt fotografieren.
Danach geht es weiter bergauf. Eine kleine Brücke führt über einen Bachlauf und wenig später öffnet sich der Blick weit über das Sunndalen. Ein perfekter Moment für die nächste kleine Pause – zum durchzuatmen und die Landschaft auf sich wirken zu lassen.

Noch einmal deutlich näher an den Wasserfall kommen wir schließlich bei Øvre Løkhammarn. Auch hier wartet eine Bank, doch viel spannender ist natürlich das, was sich wenige Schritte weiter um die Felskante verbirgt.
Wer dort neugierig nachschaut, sollte allerdings besser vorher die Windrichtung prüfen. Steht sie ungünstig, reicht ein kurzer Blick um die Ecke und man ist innerhalb weniger Sekunden bis auf die Unterwäsche nass. Das gilt im Zweifel auch für die Kamera in der Hand.
Nach einer ausgiebigen Fotosession und einer weiteren Verschnaufpause machen wir uns schließlich auf den Rückweg, denn viel weiter geht es derzeit noch nicht. Bei Øvre Løkhammarn ist nach rund 676 Steinstufen Schluss.

An einer Weggabelung sieht man bereits die neue Trasse, einige Stufen sind bereits gesetzt, sodass man dem neuen Weg noch ein Stück folgen kann, viel zu sehen gibt es dort momentan allerdings nicht.
In jedem Fall wächst die Vinnutrappa weiter und soll eines Tages bis hinauf zum obersten freien Fall des Vinnufossen führen. Sollte dieser Plan vollständig umgesetzt werden, könnte hier sogar die längste Sherpatreppe der Welt entstehen.


Wann zeigt sich der Vinnufossen von seiner besten Seite?
Wie eindrucksvoll der Vinnufossen wirkt, hängt stark von Jahreszeit und Wasserführung ab. Besonders im späten Frühjahr und Frühsommer kommt reichlich Schmelzwasser aus den Bergen, im Juni zeigt sich der Wasserfall häufig besonders kraftvoll.
Dann stürzen die Kaskaden mit deutlich mehr Wucht über die Felsen, der Wind zerreißt das Wasser in feine Schleier und trägt den Sprühnebel weit über den Hang. Nach ergiebigen Regenfällen kann sich dieses Schauspiel noch einmal verstärken.

Im Spätsommer nimmt die Wasserführung dagegen häufig ab. Der Vinnufossen wird schmaler, ruhiger und wirkt beinahe filigran.
Allerdings ist die Vinnutrappa aus Sicherheitsgründen nicht ganzjährig geöffnet. Üblicherweise beginnt die Saison Mitte Mai und endet Anfang November, abhängig von den Wetterbedingungen.

Sunndalen – im Reich der Wasserfälle
Dass im Sunndalen an so vielen Stellen Wasser über die steilen Bergflanken stürzt, ist kein Zufall. In den Eiszeiten haben mächtige Gletscher das breite Haupttal tief in die Landschaft gegraben, während die kleineren Seitentäler höher liegen blieben. Ihre Bäche und Flüsse müssen diesen Höhenunterschied bis heute überwinden, und das tun sie vielerorts mit erstaunlicher Wucht.

Mehr als 70 große und kleine Wasserfälle werden allein in der Gemeinde Sunndal gezählt. Kein Wunder also, dass sich die Region selbst „Fossenes rike“ nennt, das Reich der Wasserfälle.
Wer nach dem Vinnufossen noch nicht genug hat, findet das nächste Highlight nur ein Stück weiter taleinwärts. Bei Åmotan treffen die Flüsse mehrerer Täler zusammen, einige von ihnen stürzen zuvor als mächtige Wasserfälle in die tief eingeschnittene Landschaft. Nicht ohne Grund trägt das Gebiet den Beinamen „Niagara des Nordens“.

Und selbst damit ist das Thema Wasser noch nicht erledigt. Wer von Sunndalsøra über den spektakulären Aursjøvegen ins Eikesdalen weiterfährt, erreicht mit dem Mardalsfossen einen weiteren Giganten der Region.
Fast 300 Meter freier Fall und eine Gesamthöhe von rund 655 Metern machen ihn zu einem der eindrucksvollsten Wasserfälle Norwegens. Seine ganze Kraft zeigt er allerdings nur im Sommer, wenn das sonst für die Stromerzeugung genutzte Wasser frei ins Tal stürzen kann.

Drohnenverbot am Vinnufossen
So reizvoll die Perspektive aus der Luft hier auch wäre, die Drohne muss am Vinnufossen am Boden bleiben. In unmittelbarer Nähe liegt der Flugplatz Vinnu, deshalb sind Drohnenflüge in diesem Bereich nicht erlaubt.
Alle weiteren Regeln und Besonderheiten für Drohnenflüge in Norwegen haben wir ausführlich in unserem Überblick Norwegen von A bis Z zusammengefasst.
Vinnufossen auf einen Blick

Unser Fazit
Vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, der uns am Vinnufossen so gut gefällt. Das gewaltige Naturschauspiel verlangt weder eine lange Wanderung noch aufwendige Planung und lässt trotzdem genügend Raum, selbst zu entscheiden, wie intensiv man es erleben möchte.
Uns jedenfalls hat der kurze Blick vom Tal nicht gereicht. Zu groß war die Neugier, wie sich der Wasserfall einige Hundert Stufen weiter oben zeigt. Genau das macht für uns den besonderen Reiz der Vinnutrappa aus.
Ob kurzer Zwischenstopp oder kleiner Ausflug mit ordentlich Bewegung: Der Vinnufossen gehört zu den Orten einer Norwegenreise, an denen man ruhig mehr Zeit verbringen darf als ursprünglich geplant.
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