NORDLANDBLOG

Auswandern nach Norwegen: Ziel erreicht und angekommen… (Teil 3)

Auswandern nach Norwegen Titelbild Nordlandblog

Im dritten Teil der faszinierenden Auswanderer-Story von Thomas lest ihr über seine Zeit auf dem Bauernhof in der Nähe von Bergen und wie er schließlich wirklich angekommen ist – im Land seiner Träume und an einem neuen Mittelpunkt in seinem Leben.

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”In the woods we return to reason and faith”

Klimaflüchtling ist ein vielgebrauchtes Wort dieser Tage, in denen die Welt zumeist Kopf zu stehen scheint. Hier im Westen Norwegens jedoch bekommt das Wort eine weiterreichendere Bedeutung, als es einem durch Medien und Organisationen gewahr werden könnte.

Regen, Regen, Regen…

Der geneigte Norwegen-Reisende weiß freilich, daß der westliche Teil des Landes, und hier vor allem die Region Bergen, eine der regenreichsten des Landes ist. Allein 2017 gab es 3070 mm Niederschlag, gemessen in Bergen selbst. Dem muss man gewachsen sein wenn man hierherkommt. Für mich war es anfangs enorm ungewohnt. Der erste Monat auf dem Hof im Øvre Hålandsdalen war noch von recht gutem, wenn auch kaltem Wetter geprägt. Der Himmel war blau und es lag noch recht viel Schnee in den Bergen. Es war schon April, so daß auch die ersten Frühlingsblüher die Gemüter erhellten, was sich an häufigen und lautem Lachen aller Hofbewohner bemerkbar machte.

Wie ich ja schon im Teil 2 andeutete, erwies sich die Integration in diese kleine Kommune als recht einfach. Alles war sehr international, der Hausherr verheiratet mit einer Fränzösin, deren Mutter auch auf dem Hof wohnt und in einem Verhältnis zum ebenfalls dort wohnenden und arbeitenden ”Hofknecht” Ben steht, welcher wiederum aus Schottland kommt. Damals war sogar noch ein Schweizer auf dem Hof, der dort an einer Rekonstruktion eines Wikinger-Langhauses arbeitete. Über das kommende Jahr verteilt kamen noch Hilfskräfte aus Italien und England. Eine illustre Gesellschaft mit viel Humor und Tatkraft.

Dem tat auch der im Mai einsetzende und mehr als einen Monat dauernde Regen, keinen Abbruch. Sie selbst kannten es ja. Ich aber nicht. Als Mitteleuropäer ist man ja für gewöhnlich eine stabile Wetterlage gewohnt und selbst wenn es einmal regnet, dann doch nicht einen Monat lang. Insofern bestand meine bevorzugte Kleidung für die kommenden Wochen aus gummiertem Regenanzug und den passenden Stiefeln. Was das für meine dortige Tätigkeit bedeuten würde, konnte ich aber noch nicht erahnen.

Auswanderung
Abendliche Stimmung im Hålandsdalen

Mein Leben als Hofbewohner

Für gewöhnlich verdienen die Bauern in Norwegen ihr Geld mit dem Halten von Schafen, Hühnern und oder Kühen. Hinzu kommt mitunter der Anbau von allerlei Gemüse, je nach Lage des Hofes auch Kartoffeln. Hier draußen war das ähnlich, Bjørn besaß zu dem Zeitpunkt 50 Schafe, die im Sommer meist im Gebirge herumgeisterten. Wie ich erfuhr, gehört ihm der gesamte Berg, immerhin ein Areal mit weit über 100 Hektar welches sogar eingezäunt ist.

An diesem Punkt kam auch ich ins Spiel. Mitunter kam es vor, daß die Schafe den Zaun zerstörten, oder etwas von außen den Zaun ramponierte um hinein zu kommen. Um dies zu vermeiden und zu umgehen, tagelang im weitläufigen Gebirge die ausgebüxten Schafe zu suchen, war es an mir, den Zaun abzulaufen oder auch, weil es ja ein Berg ist, abzuklettern. In der Regel dauerte das alles, sofern der Zaun in Ordnung war, um die 8-9 Stunden.

Auswandern nach Norwegen: Ziel erreicht und angekommen... (Teil 3) - Vestkysten, Gastbeitrag, Gastautor, Bergen, Auswandern - norwegen, lifestyle - Im dritten Teil der faszinierenden Auswanderer-Story von Thomas lest ihr über seine Zeit auf dem Bauernhof in der Nähe von Bergen und wie er schließlich wirklich angekommen ist - im Land seiner Träume und an einem neuen Mittelpunkt in seinem Leben.
Irgendwo im Nirgendwo

Ausgerüstet mit Bergstiefeln, den erwähnten Gummi-Klamotten und allerlei Ausrüstung und Werkzeug war es die ersten Male ein wahrliches Abenteuer. Wir Deutschen sind ja die „wunderbar“ aufgeräumten Wirtschaftswälder unseres Landes gewohnt. In Norwegen aber räumt niemand die Wälder auf, zumindest nicht in diesem Ausmaß wie wir es kennen. So war das Ablaufen des Zaunes stellenweise dem Marsch durch einen Dschungel sehr nahe. Es dauerte jedoch nicht lange und ich begann diese Arbeit zu mögen.

Die Stunden im Wald waren ein wunderbarer Ausgleich und taten mir gut. Mir wurde mehr und mehr gewahr, wieso viele Menschen dieses Land so innig lieben. Abseits des Gewühles und dem Streß der urbanen, durchstrukturierten Lebensräume Europas, findet man hier vor allem Ruhe und Ausgleich. ”In the woods we return to reason and faith” schreibe ich am Anfang dieses Artikels. Und es stimmt. Zeit zu haben, Natur und Umwelt bewußt zu erleben, läßt den Blick auf viele kleine Dinge präziser werden. Das Lösen von den Auswüchsen moderner Gesellschaften, selbst wenn es nur temporär ist, läßt einen selbst geerdet zurück. Man wird ruhiger, gelassener und nimmt vieles was einen früher gereizt hätte, wesentlich leichter.

Ich selbst bin an sich kein gläubiger Mensch, die monotheistischen Religionen dieser Welt sind mir fremd und erschienen mir immer uninteressant. Hier in Norwegen entdeckte ich aber eine andere Seite des Glaubens. Eine Seite, die wenig zu tun hat mit, Götzenbildern, Tempeln und Ablaß. Hier empfand ich das erste Mal Verständnis für die reichhaltige Götterwelt, welche die frühen Skandinavier auf ihrem Lebensweg begleitete. Umgeben von so gewaltiger, reichhaltiger und unterschiedlicher Natur, ausgesetzt den von Westen und Norden kommenden Stürmen und den Gefahren die der Winter in den Bergen mitbrachte, konnte es nicht nur einen Gott geben.

Hilfreich bei dieser „Erdung“ meiner selbst war aber auch die Arbeitseinstellung auf dem Hof. Als Freiwilliger hatte ich an sich die Pflicht, vier Stunden am Tag zu arbeiten. Aber darum scherte sich hier keiner. In der Regel stand man gegen 9 Uhr auf und jeder kümmerte sich um sein Frühstück selbst. Die auf dem Hof angebauten Lebensmittel und das Zugekaufte, was auch ausschließlich ökologische Produkte umfasste, standen allen zur Verfügung. Danach ging man an die Arbeit und abends saß man zusammen, machte Musik, diskutierte das Leben, aß und trank bis spät in die Nacht.

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…und er baggert noch.

Bis auf die Mutter der Hofbesitzerin waren alle auf dem Hof zugange. Bjørn verbrachte häufig Zeit mit Büroarbeit und Rechnungswesen, ein Kreuz daß viele Selbstständigen tragen. Seine Frau spaltete das Holz, was der Schotte Ben mit dem Traktor aus dem Wald holte. Dieses Holz wurde dann gesackt und im Herbst als Brennholz in die Stadt verkauft. Währenddessen wurden die Schafe fetter, die Hühner gackerten und das Gemüse wuchs.

Mittendrin in dieser ländlichen Idylle streifte ich durch die Wälder und reparierte die Zäune, oder auch eines der unzähligen Fahrzeuge aller Arten, welche auf dem Hof zur Verfügung standen. Dies war im Grunde auch mein Hauptaufgabe. Meine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker machte es möglich, was sicher auch der Grund für mein Hiersein war, denn an den Traktoren aus den 1970igern war ständig irgendetwas und Bjørn hatte einfach keine Zeit. Und selbst wenn diese vier Trecker mal liefen, war etwas anderes kaputt. Mal der LKW mit Kranausleger von 1972 und mal irgendein Grabegerät für die Feldarbeit. Es wurde nie langweilig für den Mechaniker.

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Zeit zum Lesen in Store Sturlasons „Königssagen“

So vergingen die Monate und auch der Sommer hielt Einzug. Das Wetter wurde natürlich auch besser, der permanente Regen ging vorbei und die Touren in die Wälder damit noch schöner. Ich genoß die Zeit in vollen Zügen, machte Ausflüge, erkletterte Berge und reiste manchmal auch nach Hause nach Deutschland, der günstigen und schnellen Verbindung von Bergen nach Berlin sei es gedankt. Das Leben war beinahe perfekt, man hatte ein Auskommen, stressfreies Arbeiten und Freiheit und so ergab es sich, daß ich ein Jahr auf dem Hof verbrachte auf dem ich anfangs eigentlich nur kurz bleiben wollte.

Auch die Suche nach einer regulären Arbeit verlor ich zeitweise aus dem Blickfeld und selbst das praktische Ausüben der norwegischen Sprache geriet ins Hintertreffen, sprach man auf dem Hof doch nur Englisch. Aber das alles war nur Makulatur und nicht wichtig, lernte ich in dieser Zeit doch mehr über Land und Leute, als ich das später tat.

Aber ich lernte auch viel über mich selbst. Die wohl wichtigste Erkenntnis war dabei, daß das Leben aus wesentlich mehr besteht, als nur in dem Alltag, in welchem ich vorher gefangen war. Es mag banal klingen, doch ist es von Zeit zu Zeit notwendig auszubrechen. Für mich war es das damals und selbst wenn das Zustandekommen der Auswanderung von vielen Zufällen, Problemen und auch Unwägbarkeiten geprägt war, denke ich doch heute daß vieles was geschah kein Zufall war.

Auf zu neuen Ufern

Nichstdestotrotz ging auch diese Zeit vorbei. Ich erkannte irgendwann daß es nun Zeit für eine erneute Veränderung war. Ich begann mit der Arbeitssuche, welche anfangs nicht sonderlich von Erfolg gekrönt war. Da ich gern in der Nähe des Hofes, idealerweise auf ihm, bleiben wollte, suchte ich eine Stelle in der näheren Umgebung. Das Arbeitsangebot war jedoch nur unzureichend, weswegen ich letztlich den Suchradius auch erweiterte. Relativ schnell fand ich dann nördlich von Bergen, in einem Gebiet genannt Nordhordland, eine gute Arbeit, der ich noch heute nachgehe.

Zugegebenermaßen hat das Leben nun wieder einen gewissen Rythmus angenommen, doch fühlt sich das jetzt anders an. Die Arbeitswelt in Norwegen ist zumeist nicht von Streß und Mühe geprägt. Der Umgang der Chefetage mit den Angestellten ist durchweg freundschaftlich und auf Freizeit sowie die Familie aller im Unternehmen wird viel Wert gelegt. Als Arbeitsnehmer ist man hier wertvoll und nicht wie so oft in Deutschland einfach nur austauschbar.

Hier nun, an den Gestaden des Herdlefjordes ”genieße” ich das westnorwegische Wetter und fahre auch noch oft auf den Bauernhof zu meinen Freunden. Von hier aus ist es aber auch immer Katzensprung nach Bergen oder zum Sognefjord hin. Selbst die Hardangervidda und der Jotunheimen Nationalpark sind binnen weniger Stunden zu erreichen und eröffnen hervorragende Möglichkeiten, die freie Zeit und die Früchte der täglichen Arbeit in vollen Zügen zu genießen. Ziel erreicht!

(weiter unter den Bildern)

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Gras für die Schafe muss geschlagen werden.

 

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Feldarbeit in netter Gesellschaft

 

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Holz schlagen und aus dem Wald holen für den Winter

 

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Entspannung am Ende des Tages

Auswandern? Ein Fazit

Nun, am Ende meiner wohl eher ungewöhnlichen Geschichte einer Auswanderung, liebe Leser, bleibt vieles ungesagt. Eins möchte ich aber jenen mitgeben, die mir folgen wollen: Ich traf in den Jahren meines Hierseins viele Deutsche auf Urlaubsreise oder schlicht online, die diesen Weg auch gehen wollen. Sie alle trieben und treiben unterschiedliche Gründe für das Weggehen. Der Eine sucht eine stabilere Gesellschaft mit einem guten Auskommen, die Andere sucht Abenteuer und sehnt sich nach den Weiten der unberührten norwegischen Natur.

Wie auch immer die Gründe aussehen mögen, alle eint eine gewisse Verbundenheit mit diesem außergewöhnlichen Land. Sie eint das innere Fieber das einen ergreift, wenn man die nächste Reise in den Norden plant, oder Bilder und Dokumentationen dieses Landes betrachtet. Man mag es als einen Zwang begreifen, dem man ausgesetzt ist, vielleicht aber auch als einen unbestimmten, unverortbaren Ruf etwas zu verändern im eigenen Leben, denn nichts ist schlimmer für den Menschen als Stagnation. All jenen jedenfalls kann ich nur zufrufen: Wagt es, denn das Abenteuer beginnt am Ende Eurer eigenen Komfortzone. Ihr seid es selbst, die Eure Schranken bestimmen.

 

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Thomas Villmannen

Norgesvenn, Träumer, Reisender und schreibwütiger Sachse, der seit 2013 im norwegischen Vestlandet ein Zuhause fand.

1 Kommentar

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