Mehr als 900 Meter über dem Altafjord, weit oberhalb der Baumgrenze, steht auf dem schroffen Gipfel Haldetoppen eines der ungewöhnlichsten Zeugnisse norwegischer Wissenschaftsgeschichte, das Nordlicht-Observatorium Haldde. Forscher versuchten dort bereits vor mehr als 100 Jahren, eines der großen Rätsel ihrer Zeit zu entschlüsseln: Wie entsteht das Nordlicht?
Doch das Nordlicht-Observatorium Haldde war weit mehr als ein einsamer Forschungsposten. Zeitweise lebten bis zu 17 Menschen auf dem Berg, darunter sieben Kinder. Drei von ihnen wurden sogar hier oben geboren. Ein Klavier wurde auf den Gipfel transportiert und irgendwann lebte dort tatsächlich eine Kuh, damit die Kinder mit frischer Milch versorgt werden konnten …
Während draußen arktische Stürme über die kahle Bergkuppe jagten, entstand innerhalb der Mauern ein erstaunlicher Alltag aus Forschung und Familienleben.

Im Mittelpunkt dieser außergewöhnlichen Geschichte steht der norwegische Physiker Kristian Birkeland. Seine Suche nach einer Erklärung für das Nordlicht führte ihn Ende des 19. Jahrhunderts nach Alta und schließlich auf einen einsamen Berg, der zu einem bedeutenden Ort der modernen Geophysik werden sollte.
Alta und die Anfänge der Nordlicht-Forschung
Nordlichter gehörten in Nordnorwegen seit jeher zum Leben. An klaren Winterabenden erschienen sie über Fjorden und Bergen, bewegten sich wie leuchtende Vorhänge durch den Himmel und verschwanden wieder.

Doch wie dieses geheimnisvolle Leuchten entstand, stellte Wissenschaftler lange vor ein großes Rätsel.
Bereits während des ersten Internationalen Polarjahres 1882 / 83 wurden in Bossekop bei Alta systematische Nordlicht-Beobachtungen durchgeführt. 1892 gelang dem deutschen Physiker Martin Brendel dort das erste Foto eines Nordlichts. Damit entwickelte sich die Region um Alta schon früh zu einem wichtigen Zentrum der Nordlicht-Forschung.

Nur wenige Jahre später kam ein Mann in die Finnmark, der sich mit dem Beobachten und Fotografieren allein nicht zufriedengeben wollte. Kristian Birkeland wollte verstehen, wie das Nordlicht entsteht.
Der 1867 geborene norwegische Physiker beschäftigte sich intensiv mit Elektrizität und Magnetismus. Dabei entwickelte er eine für seine Zeit revolutionäre Vorstellung: Elektrisch geladene Teilchen von der Sonne könnten zur Erde gelangen, vom Magnetfeld unseres Planeten in Richtung der Polarregionen gelenkt werden und dort die Atmosphäre zum Leuchten bringen.
Doch Birkeland wollte seine Theorie nicht nur im Labor überprüfen. Er wollte dorthin, wo das Nordlicht tatsächlich erschien.
Kristian Birkeland findet den Gipfel Haldetoppen
1897 reiste Kristian Birkeland in die Finnmark, um einen geeigneten Standort für seine Nordlicht-Forschung zu finden. Doch schon diese erste Erkundung zeigte, wie schwierig ein solches Vorhaben in der winterlichen Bergwelt Nordnorwegens werden konnte.
Bei einer Tour durch das Bergland zwischen Alta und Kautokeino geriet Birkelands Gruppe in einen schweren Schneesturm. Bei Temperaturen um minus 25 Grad kämpften die Männer gegen Wind, Kälte und Orientierungslosigkeit. Ein Teilnehmer erlitt dabei so schwere Erfrierungen an den Händen, dass später Teile mehrerer Finger amputiert werden mussten.
Birkeland ließ sich von diesem Erlebnis nicht abschrecken. In den Bergen westlich von Alta fand er schließlich den Ort, der ihm für seine Forschungen nahezu ideal erschien – den markant spitzen Gipfel Haldetoppen.
Mehr als 900 Meter über dem Meer, weit oberhalb der Siedlungen am Altafjord, gab es hier kaum störendes künstliches Licht und der Himmel war weithin frei einsehbar. Birkeland verbrachte den Winter 1899 / 1900 selbst auf dem Haldetoppen, um das Nordlicht zu erforschen.

Das Lawinenunglück auf dem Haldetoppen
Ende März 1900, kurz vor dem geplanten Abschluss der ersten Forschungsarbeiten, ereignete sich auf dem Weg hinauf zum Haldetoppen ein schweres Lawinenunglück. Zwei Menschen wurden verschüttet und kamen ums Leben. Damit endete die erste Forschungsphase auf Haldde auf tragische Weise. Doch Birkeland gab den Berg nicht auf.
Vom Forschungsposten zum Nordlicht-Observatorium
Zehn Jahre später kehrte Birkeland auf den Haldetoppen zurück. Gemeinsam mit dem Physiker Ole Andreas Krogness setzte er sich dafür ein, den Berg dauerhaft für wissenschaftliche Beobachtungen zu nutzen. 1911 bewilligte das norwegische Parlament die notwendigen Mittel, ein Jahr später wurde das neue Hauptgebäude fertiggestellt.
Birkeland selbst zog jedoch nicht auf den Berg. Die Leitung des Observatoriums übernahm Krogness, der mit seiner Familie auf den Haldetoppen zog. Kurioserweise sollte Birkeland das neue Hauptgebäude, für dessen Entstehung er sich so stark eingesetzt hatte, selbst nie sehen – 1910 war sein letzter Aufenthalt auf dem Berg.

Damit begann eine neue Phase: Auf Haldde wurde nun nicht mehr nur geforscht. Hier wurde gelebt.
Leben auf dem Haldetoppen: Familien zwischen Forschung und Sturm
Mit dem neuen Observatorium veränderte sich das Leben auf dem Haldetoppen grundlegend. Krogness und weitere Wissenschaftler kamen nun nicht mehr allein auf den Berg – sie zogen mit ihren Familien hinauf. Aus einem abgelegenen Forschungsstützpunkt wurde tatsächlich ein dauerhaftes Zuhause.
Und das unter Bedingungen, die man sich heute nur schwer vorstellen kann. Auf dem exponierten Gipfel wurden Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde gemessen. Bei schweren Stürmen konnten die Kinder teilweise über längere Zeit nicht vor die Tür.
Selbst bei gutem Wetter war Spielen dort oben nicht ungefährlich: Die Kinder hielten sich häufig in einem eingezäunten Bereich auf und wurden teilweise sogar mit Seilen gesichert, damit sie nicht über die steilen Abhänge stürzten.

Trotzdem versuchten die Familien, sich auf dem Berg einen möglichst normalen Alltag zu schaffen. Die Wohnräume waren erstaunlich komfortabel eingerichtet und Ole Andreas Krogness ließ sogar ein Klavier auf den mehr als 900 Meter hohen Gipfel transportieren.
Auch die Infrastruktur war erstaunlich ausgeklügelt: Zum Observatorium gehörten unter anderem ein Waschhaus und ein Badehaus. Geschützte beziehungsweise unterirdische Verbindungsgänge zwischen einzelnen Gebäuden ermöglichten es den Bewohnern, sich auch bei extremem Wetter innerhalb der Anlage zu bewegen.
Im Nordlichtobservatorium wurde also nicht nur gemessen und geforscht – hier wurde gemeinsam gegessen, musiziert und gelebt. Später kamen sogar Kinder auf dem Berg zur Welt.
Auch die Versorgung verlangte ungewöhnliche Lösungen. Im Winter konnten Pferdetransporte den Gipfel kaum erreichen, weshalb Waren über eine Transportseilbahn hinaufgebracht wurden. Und irgendwann gehörte sogar eine Kuh zur kleinen Gemeinschaft. Sie wurde auf den Haldetoppen gebracht, damit die Kinder mit frischer Milch versorgt werden konnten.
So entstand für einige Jahre hoch über dem Altafjord eine erstaunlich funktionierende kleine Welt – mitten in einer Umgebung, die ihren Bewohnern regelmäßig alles abverlangte.
Nordlicht-Forschung und Wettervorhersage auf Haldde
Doch während nebenan Kinder spielten und Familien versuchten, einen halbwegs normalen Alltag zu führen, ging wenige Räume weiter die Suche nach Antworten weiter.
Krogness und seine Mitarbeiter beobachteten und fotografierten das Nordlicht und fanden ständig neue Möglichkeiten, das flüchtige Leuchten am Himmel zu erfassen. Um die Nordlichter nicht zu verpassen, wurde ein ungewöhnliches Warnsystem entwickelt: Sobald die Lichter auftraten, wurde eine Glocke geläutet. Die Forscher mussten dadurch nicht mehr stundenlang draußen in der eisigen Nacht auf die Aurora warten.

Gleichzeitig gewann die Wetterforschung an Bedeutung. Der Meteorologe Olaf Devik arbeitete auf Haldde an Vorhersagen, die insbesondere den Fischern Nordnorwegens helfen sollten, gefährliche Wetterumschwünge auf See früher zu erkennen.
Das ist vielleicht einer der faszinierendsten Widersprüche dieses Ortes. Auf einem Berg, dessen Bewohner selbst immer wieder extremsten Wetterbedingungen ausgeliefert waren, entstanden Erkenntnisse, die das Leben anderer Menschen sicherer machen sollten.
Und über allem leuchtete weiterhin jenes Phänomen am Himmel, wegen dem Birkeland einst überhaupt hierhergekommen war.
Birkelands Vermächtnis
Kristian Birkeland selbst erlebte die weitere Entwicklung des Observatoriums nur noch aus der Ferne. 1917 wollte er offenbar noch einmal auf den Haldetoppen zurückkehren, doch dazu kam es nicht mehr: Er wurde tot in seinem Hotelzimmer in Tokio aufgefunden. Birkeland war gerade einmal 49 Jahre alt.
Zu seinen Lebzeiten waren seine Vorstellungen über die Entstehung des Nordlichts keineswegs anerkannt. Erst Jahrzehnte später konnten wesentliche Teile seiner Theorie bestätigt werden.
Auch jene elektrischen Ströme entlang des Erdmagnetfeldes, deren Existenz Birkeland vermutet hatte, wurden später nachgewiesen. Heute tragen sie seinen Namen: Birkeland-Ströme.
Das Ende des Observatoriums auf Haldde
1926 wurde der Betrieb des Observatoriums eingestellt und die Nordlichtforschung nach Tromsø verlagert. Zurück blieben leere Gebäude auf dem Haldetoppen.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage von deutschen Truppen genutzt und 1944 beim Rückzug aus der Finnmark niedergebrannt. Von dem einstigen Forschungs- und Wohnkomplex blieben nur die massiven Steinmauern zurück.
Erst in den 1980er-Jahren begann die Restaurierung des Observatoriums. Heute ist Haldde ein bedeutendes kulturhistorisches Denkmal und zugleich das Ziel einer eindrucksvollen Wanderung über dem Altafjord.

Haldde heute – Geschichte(n) auf dem Gipfel
Heute steht das restaurierte Nordlicht-Observatorium wieder weithin sichtbar auf dem Haldetoppen. Wer den Berg hinaufsteigt, erreicht deshalb nicht einfach nur ein außergewöhnliches Wanderziel, sondern einen Ort, an dem ein wichtiges Kapitel norwegischer Wissenschaftsgeschichte geschrieben wurde.
Mit diesem Wissen wirken die alten Mauern plötzlich anders. Man kann sich zumindest vorstellen, wie hier Familien lebten, Kinder spielten und Wissenschaftler in langen Winternächten auf das Nordlicht warteten – umgeben von einer Landschaft, die ihnen immer wieder alles abverlangte.

Vielleicht ist gerade dieser Gegensatz das Faszinierende an Haldde: Die Einsamkeit und Härte des Ortes auf der einen Seite und auf der anderen der menschliche Wille, ausgerechnet hier oben zu leben, zu forschen und den Himmel ein Stück besser zu verstehen.
In unserem separaten und ausführlichen Beitrag über die Wanderung auf den Haldetoppen nehmen wir euch mit auf diesen imposanten nordnorwegischen Gipfel und beschreiben die Route zum ehemaligen Nordlicht-Observatorium mit allen praktischen Informationen zur Tour.
Titelbild: Historische Aufnahme des Haldde-Observatoriums. Quelle: Nasjonalbiblioteket, Sammlung Ole Andreas Krogness, Public Domain. KI-gestützt koloriert und digital restauriert.
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