Schaut man auf die Karte von Nordwestnorwegen, fällt Midsund zunächst kaum auf. Ein eher unscheinbares Inselreich zwischen Molde und Ålesund, verstreut im Schärengarten an der norwegischen Westküste. Doch wer hierher kommt, erlebt eine Überraschung: Wie auf den Lofoten ragen auf den stillen Inseln steile, felsige Gipfel in den Himmel und wer sie erklimmt, wandert auf einer der eindrucksvollsten Wanderrouten des Landes, den Midsundtrappene.
Denn in Midsund führen zahlreiche kunstvoll gebaute Steintreppen, gelegt von Sherpas aus Nepal, auf die aussichtsreichen Gipfel des kleinen Archipels: Was zunächst als ambitioniertes lokales Projekt begann, hat sich mittlerweile zu einer populären Attraktion entwickelt.
Und heute ziehen die Midsundtrappene zunehmend mehr Besucher aus Norwegen und der ganzen Welt an. Kein Wunder, bieten sie doch einen erstaunlich einfachen Zugang in eine atemberaubende Bergwelt, deren Ausblicke für jede Stufe, jeden Höhenmeter reichlich entschädigen.

Midsundtrappene – Wanderprojekt mit Weitblick
Insgesamt sechs verschiedene Aufstiege wurden in Midsund in aufwendiger Handarbeit mit Steintreppen erschlossen und das in teils sehr steilem Gelände. Die Treppen fügen sich so harmonisch in die Landschaft ein, dass man fast meinen könnte, sie seien schon immer da gewesen.
Doch tatsächlich begann der Bau erst vor wenigen Jahren. Mit Helikoptern wurden schwere Steinblöcke aus dem Gebirge geholt, bevor sie von den nepalesischen Sherpas mit beeindruckender Präzision und Muskelkraft in die Hänge gelegt wurden.

Mehr als 7000 Stufen sind so entstanden – verteilt auf Gipfel wie Digergubben, Midsundhornet, Bløkallen, Aksla oder Kumlokket. Das Highlight ist aber ohne Zweifel die Tour zum Rørsethornet, an der wir uns nun ebenfalls versuchen wollen …

Lage, Anreise und Ausgangspunkt
Die meisten Aufstiege der Midsundtrappene liegen auf der Insel Otrøya an der norwegischen Westküste, etwa auf halbem Weg zwischen Molde und Ålesund. Gemeinsam mit den Nachbarinseln Midøya und Dryna bildet Otrøya das sogenannte Midsund-Inselreich – benannt nach der früheren Kommune Midsund, die heute zur Gemeinde Molde gehört. Alle drei Inseln sind durch das Straßennetz miteinander verbunden.
Trotz ihrer Insellage ist die Region verkehrstechnisch gut erschlossen. Wer aus dem Norden oder Osten anreist, nimmt am besten die Fähre von Mordalsvågen nach Solholmen. Nach der kurzen Überfahrt folgt man der gut ausgebauten Straße 668 rund 12,5 Kilometer entlang der Nordküste von Otrøya, bis sich in einer weiten Linkskurve das markante Bergmassiv des Rørsethornet zeigt.
Alternativ führt der Weg von Süden über Ålesund, Brattvåg und Midøya nach Midsund. Auch hier bringt eine kurze Fährverbindung (Brattvåg – Dryna) Reisende schnell ins Inselgebiet, von dort aus geht es ebenfalls über die Straße 668 Richtung Rakvåg.

Der Ausgangspunkt zur Wanderung liegt zwischen den kleinen Orten Rørset und Rakvåg, direkt am westlichen Rücken des Rørsethornet. Dort befindet sich ein großer, angelegter Parkplatz mit Infotafel und Trinkwasserstelle. Hier kann man Praktischerweise seine Wasserflaschen auffüllen. Was wir auch tun, denn unterwegs gibt es keine Möglichkeit mehr, Trinkwasser aufzunehmen!
Von hier startet die Tour direkt auf die längste Steintreppe der Welt. Ohne Umwege, ohne Vorlauf. Die ersten Stufen sind bereits vom Parkplatz aus sichtbar und versprechen einen spannenden Aufstieg. Ein letzter Blick auf die Wandertafel, dann schultern wir die Rucksäcke.
Rørsethornet – die längste Steintreppe der Welt

Der Aufstieg zum 659 Meter hohen Rørsethornet ist nicht nur landschaftlich ein Erlebnis – er beeindruckt auch durch seine 3.250 Steinstufen, die ihn zur längsten zusammenhängenden Steintreppe der Welt machen.
Bereits 2014 begannen die Bauarbeiten, im Herbst 2022 wurde die Treppe schließlich fertiggestellt, die nun bis ganz hinauf zum Gipfel führt. Seither zieht sie Wanderer aus ganz Norwegen und weit darüber hinaus an.
Es ist später Nachmittag, die Sonne steht bereits tief, und wir hoffen auf einen dieser besonderen Sonnenuntergänge an der Gipfelpyramide. Vielleicht liegt später dieses goldene Licht über der Landschaft, das den Norden so und diese späten Gipfeltouren so unverwechselbar macht.

Wir queren die Straße und stehen kurz darauf vor der ersten Stufe – dem Anfang eines langen steinigen Weges. Schon nach wenigen Schritten finden wir unseren Takt, die Stufen ziehen sich in gleichmäßigem Rhythmus den Hang hinauf. Rund 630 Höhenmeter liegen vor uns. Auch wenn die Treppe das Gehen erleichtert, merken wir bald, wie fordernd der stetige Aufstieg ist.



Zum Glück gibt es unterwegs immer wieder kleine Rastplätze – perfekt, um durchzuatmen und den Puls wieder zur Ruhe kommen zu lassen.

Nach mehreren Pausen und rund 2000 Stufen erreichen wir den Zwischengipfel Sherpanakken, der etwa 430 Meter über dem Meer liegt.
2000 Stufen später: Aussicht vom Sherpanakken
Eine steinerne Varde markiert diesen Aussichtspunkt und mehrere Bänke laden zum Verweilen ein. Einige Wanderer drehen hier um, weil die Aussicht schon jetzt grandios ist und man auch hier ein tolles Gipfelerlebnis hat. Schließlich liegt ein Großteil der Stufen bereits hinter uns.

Für uns ist das allerdings keine Option. Egal wie schweißtreibend der Aufstieg auch ist, wir wollen alle Stufen dieser Midsundtrappene gehen und den Gipfel des Rørsethornet erreichen.




Ab hier gilt es, noch einmal einige Höhenmeter zu überwinden. Stufe für Stufe folgen wir der beeindruckenden Treppe, die scheinbar nicht enden will. Dann erreichen wir tatsächlich irgendwann den schmalen Grat, der sich wie ein Kamm über das Gelände zieht. Jetzt ist es nicht mehr weit und die ganze Anstrengung schon bald vergessen.
Uns beschleicht ein eigenartiges, schwer zu beschreibendes Gefühl. Vielleicht so, als wäre man auf einer Himmelsleiter unterwegs. Links und rechts fällt das Gelände steil ab, doch unter unseren Füßen liegt ein befestigter Pfad aus Steinplatten. Die Inseln tief unter uns, das Meer flimmert in der Ferne und die Linie aus Stein zieht sich unbeirrbar dem Gipfel entgegen.

3000 Stufen später: Dem Rørsethornet ganz nah
Wir sind überwältigt nicht nur von der Aussicht, sondern von der Tatsache, dass man hier oben einfach so entlanggehen kann. Dieser Grat ist kein wilder, ausgesetzter Kletterpfad. Er ist einzigartig, dass man sich fast wundert, wie selbstverständlich man sich über diese Welt aus Stein, Felsen und Gestrüpp bewegt.

Wer mit Höhenangst zu kämpfen hat, wird diesen Abschnitt bestimmt als besondern herausfordernd empfinden. Aber alle, die sich trauen, werden nicht nur mit dem Ausblick, sondern mit einem ganz besonderen Gefühl belohnt: dem Staunen über die Landschaft, über den Moment und vielleicht auch ein bisschen über sich selbst.
Dann entdecken wir eine kleine Felszunge die natürlich eine Einladung für einige Fotos ist … Nach dieser ersten Fotosession, sind es nur noch wenige Stufen bis zum eigentlichen Ziel, dem Rørsethornet.

Das Ziel – der Gipfel des Rørsethornet
Was für ein Moment. 3.250 Stufen liegen nun hinter uns und jetzt stehen wir hier, auf dem Gipfel des Rørsethornet. Warmes Abendlicht umgibt uns, ein wahres Feuerwerk goldene rund violetter Farben. Die Steinplatten auf dem schmalen Grat funkelt regelrecht im letzten Licht des Tages.

Unter uns liegen zahlreiche Inseln wie dunkle Streusel im Meer, in dem sich die untergehende Sonne spiegelt. Wir sind noch kleiner als diese dunklen Streusel, kaum wahrnehmbare Punkte – seht ihr sie? – in einem gewaltigen Gemälde, in einer Kulisse, die eine übermächtige und zugleich zauberhafte Natur für uns geschaffen hat.
Wir genießen diesen Moment ebenso wie das Panorama in alle Richtungen: über den Romsdalsfjord, hinaus zur Atlantikküste, über zahlreiche Inseln und schroffe Berge. Ein Gefühl von Freiheit und Weite, das sich kaum in Worte fassen lässt – nicht nur wegen des Weltrekords der Treppe, sondern auch wegen der Meisterleistung die hier erbracht wurde, um so ein alpines Wandergebiet zugänglich zu machen.

Wer mag, kann von hier noch weiter zum benachbarten Ræstadhornet wandern. Doch dafür braucht es absolute Schwindelfreiheit und Trittsicherheit, denn der weitere Weg über den schmalen Grat muss nun ohne Treppen gemeistert werden.
Weitere Gipfel, weitere Stufen der Midsundtrappene …
Auch wenn Rørsethornet die spektakulärste der Touren ist – die anderen Routen der Midsundtrappene lohnen sich ebenso. Der Aufstieg zum Digergubben (1.600 Stufen) gilt als besonders familienfreundlich mit herrlichem Rundumblick. Midsundhornet (1.500 Stufen) und Bløkallen (1.400 Stufen) bieten alpine Eindrücke und anspruchsvollere Passagen. Und auch Aksla (500 Stufen) oder Kumlokket (1.000 Stufen) versprechen aussichtsreiche Momente über das Inselreich.

Allen gemeinsam ist der besondere Charakter dieser Treppen: Sie machen steile Berglandschaften begehbar und das mit einem Respekt gegenüber der Natur, der im handwerklichen Können der Sherpas sichtbar wird.
Fazit: Eine moderne Pilgerreise über Stufen aus Stein
Die Midsundtrappene sind weit mehr als nur ein Wanderprojekt. Sie sind ein Beispiel dafür, wie man Naturzugang und sanften Tourismus sinnvoll verbinden kann. Die Treppen sollen auch kommende Generationen erfreuen, meint Projektleiter Kolbjørn Ove Stølen. Und spätestens beim Blick vom Rørsethornet versteht man, warum das gelingt und sich zunehmend mehr Menschen auf den Weg in die Inselwelt von Midsund machen.

- Hier findest du eine Übersicht zu den Einstufungen und Kriterien der Schwierigkeitsgrade in Norwegen.
- Diese Tour ist nicht für kleine Kinder oder ungeübte Wanderer geeignet. Trittsicherheit, Ausdauer und Schwindelfreiheit sind erforderlich – besonders im oberen Gratbereich vor dem Gipfel.
- Für größere, geländesichere Hunde ist die Tour grundsätzlich machbar. Allerdings sollte man die vielen Stufen nicht unterschätzen.
- Campingplatz: Sandneset Camping liegt etwa 5 Kilometer vom Ausgangspunkt der Wanderung entfernt. Falls man mit einem PKW unterwegs ist, kann man hier auch einfache Hütten mieten.
- Trinkwasserversorgung beim Parkplatz. Unterwegs gibt es keine Möglichkeit frisches Wasser aufzufüllen. Wir empfehlen daher, ausreichend Trinkwasser mitzunehmen.
- Es ist empfehlenswert die Tour früh am Tag oder am späten Nachmittag zu starten – besonders im Sommer, da der Aufstieg dann angenehmer ist.
- Die Tour lässt sich wunderbar mit einer Fahrt auf der Norwegischen Landschaftsroute Atlantikstraße (Atlanterhavsveien) verbinden.
Literaturtipps für deine Reise nach Norwegen
Equipment für die perfekte Wanderung
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